Geißler würde ich auch schon als stärkere Persönlichkeit einschätzen, als Schmidt. Aber auch er ist im Prinzip nur mächtig medienwirksam (genauso wie Schmidt). Große politische Persönlichkeiten sind meiner Meinung nach ganz klar Konrad Adenauer, auch wenn ich die Inhalte seiner Politik und seinen Regierungsstil als sehr diskussionswürdig empfinde und über seine Wahl zum "größten Deutschen" aus dem ZDF von vor ein paar Jahren nur lachen kann, hat er zumindest bis 1960 Weichen gestellt für die Ausfüllung der neuen Rolle des Bundeskanzlers. Der Bundeskanzler, wie es ihn ab 1948 im Prinzip gab, war ja etwas völlig neues, wenn man es historisch betrachtet. Die Unterschiede zwischen dem "ersten" Reichskanzler Bismarck, der Funktion des Reichskanzlers der Weimarer Republik und des neuen Amtes des Bundeskanzlers, hat Bracher mal hervorragend herausgearbeitet. Jedenfalls kann man erst durch die Wirkung und ( teilweise missbräuchliche) Machtausübung Adenauers von einer Kanzlerdemokratie sprechen. Oder eben eine Demokratur (Mischung aus Demokratie und Diktatur), wie ich es gerne tue.
Leute wie Schmidt und Kohl haben diese Art der Regierungsform (=Kanzlerdemokratie) total aufgeweicht. Schmidt hat durch seine Medienfixierung die Personalisierung von Politik auf eine ganz neue Stufe gehoben (wie gesagt, ohne je weichenstellende Entwicklungsentscheidungen über Deutschland zu treffen, deshalb verstehe ich beim besten Willen nicht, warum man gerade Schmidt als starken Kanzler bezeichnen wollen würde). Kohl war ein Bürokrat durch und durch, ein Verhandler, ein Moderator. Beide Entwicklungen führten dazu, dass Deutschland sich von einer Kanzlerdemokratie mehr und mehr zu einer konkordanzdemokratischen-Ministerialbürokratie entwickelt hat.
Ich bin da eher ein "Fan" von Leuten aus dem Hintergrund. Gerade wenn man über Schmidt spricht, als große Persönlichkeit, dann wird Herbert Wehner immer völlig außen vorgelassen. Ich würde sogar die Wette eingehen, dass ihn hier kaum jemand kennt. Was sehr schade ist, denn ohne Wehner wäre Schmidt heute rein gar nichts. Wehner ist für mich, neben Adenauer, die beeindruckenste Politikerpersönlichkeit. Schmidt und Geißler sind eher Dampfplauderer, vor allem Schmidt. Aber bei ihm liegt es am Alter, ich möchte ihm keine Senilität unterstellen, aber man neigt dazu.
Bei Geißler muss ich sagen, dass mir Jakob Kaiser aus dem Lager der "Links-Konservativen" programmatisch besser gefallen hat. Aber der wurde ja von Adenauer dermaßen plattgewalzt, dass man sich für diese Meinung fast schon schämen muss.
Brandt gehört im Prinzip auch auf die Liste, wenn Adenauer schon draufsteht. Ansonsten gehört aus politikwissenschaftlicher Sicht auch bald Angela Merkel auf die Liste, weil sie es geschafft hat, die Regierungsform eines ganzen Landes umzustellen. Von der Kanzlerdemokratie, wie sie unter Adenauer geherrscht hat, zu einer Moderationsdemokratie, ohne eine zu offensichtliches Vakuum zu erzeugen (Erhardt ist das damals nicht gelungen, aber der war ja auch eher unfreiwillig so, wie er war).