Nach dem, was ich bisher über den Grad der Unterstützung dieses Putschs in der Türkei weiß, würde ich es für verfehlt halten, jetzt nach einem Sturz Erdogans zu schreien. Zu den Demos für ihn hat ja offenbar sogar die oppositionelle und potentiell gefährdete HDP aufgerufen, ob aus Überzeugung oder Selbstschutz sei jetzt mal dahingestellt, da kann ich nur spekulieren. Wie auch immer, allzu groß scheint, Stand jetzt, das Verlangen nach und die Unterstützung für einen Umsturz unter den Türken nicht zu sein. Daher wäre es eine erhebliche und unnötige Destabilisierung des Landes, jetzt nach der Kavallerie zu rufen, da bin ich ganz bei maturin.
Sicherlich kommt Erdogan das jetzt alles gelegen. Sicherlich liefern ihm die Ereignisse jetzt Argumente, alles Oppositionelle, gegen das er schon vorher ermitteln ließ, noch humorloser zu beseitigen - zur Not schwingt man (berechtigt oder nicht, im Zusammenhang mit dem Putsch nach vorherrschenden Informationen eher nicht) den "Gülen"-Stempel, so wie Joseph McCarthy in den 50ern alles Missliebige irgendwie als Kommunist brandmarken konnte, ob es stimmte oder in den Zusammenhang passte war da auch egal. Sicherlich ist Erdogan zwar demokratisch gewählt, aber kein lupenreiner Demokrat - das hat hier auch niemand behauptet. Aber: Ich will nicht erleben, welcher Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen wird, wenn Erdogan gegen den Willen einer Mehrheit (die nicht zwingend Erdogan behalten, sondern eher eine Junta verhindern will) gewaltsam entfernt wird. Und ich möchte keine Militärjunta in der Türkei, die Vergangenheit hat bietet kein mir bekanntes Beispiel, in dem ein solches Regime zu einer ernsthaften Verbesserung der Lebensumstände besonders der Minderheiten geführt hätte. Gerade Südamerika (Pinochet, Videla, muss ich weitermachen?) bietet hier mehr als genug abschreckende Beispiele, sowas möchte ich in Europa nicht sehen, es knallt schon an genug Ecken.
Was ich allerdings für zwingend notwendig halte, ist bei den Verfahren die Augen kritisch offen zu halten und Missstände hierbei offen zu benennen - die Forderung nach der Todesstrafe ist hierbei schon der erste Punkt, scharfe Kritik daran ist notwendig - und auch hörbar. Es ist zwingend notwendig, hier laut rechtsstaatliche Grundsätze einzufordern - und so Erdogan die Chance zu bieten, sich bei einem (zu befürchtenden) autokratischen Durchgreifen selbst derart zu demontieren, dass er bei nächster Gelegenheit von den noch vorhandenen demokratischen Strukturen aus dem Amt gedrängt wird (Forderung nach Neuwahlen, Misstrauensvotum, stuff like that - existiert doch noch alles). Das wäre in meinen Augen die einzige Möglichkeit, langfristig sowohl Diktatur als auch Anarchie zu vermeiden.