Grundsätzlich bin ich in der Sache erstmal bei Tardelli - bei allem, was bisher an Informationen herausgekommen ist über den Putsch, besteht die Hälfte aus Spekulationen. Weder gibt es eine klare, belastbare Aussage darüber, was genau die zugrundeliegende Motivation des Militärs war, hier loszuschlagen - Gülen wurde bisher, wenn ich nichts verpasst habe, von Premier Yildirim und vor allen Dingen von den Medien ins Spiel gebracht, nicht von den Militärs selbst. Über eine eventuelle Inszenierung wird auch nur spekuliert, nichts Belastbares dabei. Was auch immer da ganz genau letzte Nacht los war, werden frühestens die nächsten Tage zeigen, Stand jetzt sind da zuviel Halbgares und zu wenige Fakten im Umlauf.
Und zum Thema Erdoganfans und -gegner im Ausland: Erdogan ist, wie Ensimismado richtig schreibt, bei aller berechtigten Kritik an seiner Amtsführung und bei all den Aktionen, bei denen er die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt, immer noch ein demokratisch gewählter Präsident. Wenn jetzt Menschen für die bestehende Regierung auf die Straße gehen, ist das nicht zwingend als Zeichen pro Erdogan zu werten, sondern eher als Zeichen pro demokratischer Strukturen, die bei einer Militärdiktatur gezwungenermaßen (vorläufig) abgeschafft wären.
Ganz davon abgesehen sei jedem seine Meinung erlaubt, auch wenn sie unbequem ist - sowas heißt Toleranz. Und Forderungen, jetzt alle Erdoganfans in die Türkei zu jagen und seine Gegner im Gegenzug einzuladen, sind schlicht nichts anderes, als in den 70ern Linke aufzufordern, doch in die UdSSR auszuwandern. Ich habe, obwohl Deutscher, auch eine Meinung zu Staatsführungen sowohl hier als auch in anderen Ländern, die ich teils wohlwollend, teils kritisch sehe. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich meine Staatsbürgerschaft aufgeben oder auswandern muss, nur weil ich Sympathie mit einem anderen Land oder dessen Regierung bekunde.
In a nutshell: Von Erdogan halte ich wenig, von einer Militärdiktatur noch weniger. Demonstranten sollen ihre Meinung frei äußern. Und in diesem Fall kann man Demos pro Erdogan auch als Demos contra Militärdiktatur begreifen.